Heidelsteinfeier 2011

„Unterwegs - und doch zuhause!" - so lautete das Thema der 88. Heildesteinfeier des Rhönklubs. Hünfelds Stadtpfarrer Alfons Gerhardt hielt dabei die Gedenkrede. Rund 650 Rhönklub-Mitglieder und Gäste fanden bei widrigem Wetter den Weg auf den Heidelstein, um der Leistungen der Verstorbenen des Rhönklubs und der Opfer der der deutsch-deutschen Trennung zu gedenken.

„Die Heidelsteinfeier ist eine mittlerweile umstrittene Veranstaltung des Rhönklubs; sie gilt als altbacken, überholt. Doch was ist daran überholt, wenn wir unserer Verstorbenen und vor allem der Leistungen dieser gedenken? Ich gehöre zur jüngeren Generation des Rhönklubs, habe ebenso eine Meinung zur Heidelsteinfeier - und meine Meinung ist: Die Heidelsteinfeier gehört zum Rhönklub! Ich verbinde die Heidelsteinfeier mit Tradition, die die Moderne nicht vergisst. Selbst die Wanderung hierauf lädt zum Nachdenken und Besinnen ein. Der Rhönklub beweihräuchert sich nicht selbst, sondern er gedenkt seiner Geschichte. Und diese Geschichte lädt eben Jung und Alt zum Mitmachen ein! Denn die Heidelsteinfeier ist nicht nur zurück gewandt, eine bloße Erinnerung, sondern auch eine Aufforderung, ein Wunsch unserer Vorgänger, in eine gute Zukunft des Rhönklubs zu gehen und ihr Werk fortzusetzen. Und das Thema der diesjährigen Heidelsteinfeier finde ich, ist ein äußerst aktuelles: Es geht um den Spannungsbogen Unterwegs-Sein und Zuhause. Heimat, diesen Begriff nehme ich, bedeutet Zuhause und doch Grenzen zu überschreiten, um wiederum die Heimat, das Zuhause, schätzen zu lernen. Wir sind immer unterwegs, um zu lernen, dass wir nicht stehenbleiben sollen. Eben unterwegs - und doch zuhause! Unterwegs sein in unseren Gedanken und dem was wir tun - denn damit richten wir uns in unserem Heim, unserem Zuhause ein!" Mit diesen Worten begrüßte der Rhönklub-Vizepräsident Bernd Müller-Strauß die Wanderfreunde zu dieser Veranstaltung.

Die Gedenkrede des Hauptredners brachte es auf den Punkt: „Unterwegs sein und Mensch sein, dass gehört also untrennbar zusammen. Ich bin unterwegs mit der Sehnsucht nach einem Ziel, nach einem Zuhause. Und wenn ich dieses Ziel erreicht habe und zuhause bin, dann wächst in mir erneut der Wunsch, sich wieder auf den Weg zu machen. Was das alte Rhönlied mit dem Satz „Zieh an die Wanderschuh" meint, das lässt sich auf einen größeren Rahmen übertragen. Der Mensch hat stets die Wanderschuhe an den Füßen, ob er es wahrhaben will oder nicht, denn er ist immer unterwegs. Das Heute ist morgen schon gestern." Er beschrieb das Wandern mit dem „im Trend liegenden Begriff „Pilgern": „Aber es sind Menschen, die nach einem Sinn suchen für ihr Leben, Menschen, die irgendwie spüren: ich muss mich auf den Weg machen, wenn ich herausfinden will, was meinem Leben Tiefe und Sinn gibt. Das geht nicht daheim im bequemen Ohrensessel, das geht nur, wenn ich mein Leben buchstäblich unter meine Füße nehme. Pilgern und Wandern sind also Formen, in denen sich die innere Wirklichkeit menschlichen Lebens adäquat ausdrücken kann. Wir sind ständig unterwegs. Wir sind ständig unterwegs und werden dabei älter, lebenserfahrener und reifer. Wir sind eben nur Gast auf dieser Welt und nicht Besitzer dieser Erde."

Wandern sei auch Sehnsucht nach einer Heimat, erklärte Gerhardt weiter: „Unterwegs sein - eine Haltung, eine Einstellung, die so beliebt ist, dass manche sagen: „Der Weg ist das Ziel". So ganz hundertprozentig möchte ich diesen Satz nicht unterschreiben, denn jeder Wanderer ist ja auch froh, wenn er einmal ans Ziel kommt. Wer den ganzen Tag über auf den Beinen ist, freut sich, am Abend ein Quartier, ein Zuhause zu haben, wo er zur Ruhe kommen und übernachten kann. Also, jeder der unterwegs ist, braucht so etwas wie eine Heimatadresse: einen Ort, an dem er sich wohl fühlt, Menschen, mit denen er verbunden ist, Personen, zu denen er Beziehungen hat, Menschen, die ihn tragen über den Tag hinaus. Wer unterwegs ist und keine Heimat hat, ist heimatlos, ein Fremder, dem der Boden unter den Füßen wegzubrechen droht. Und umgekehrt: ein Mensch, der nicht immer wieder aufbricht und sich auf den Weg macht, ist ein Stubenhocker, einer, an dem das Leben vorbei geht. Unterwegs sein und zuhause sein, das gehört zusammen - wenn eines von beiden fehlt, verkümmert das Leben."

Doch das Unterwegssein bedeutet auch eine gesellschaftliche Aufgabe und Erfahrung: „Auch die Gesellschaft ist immer unterwegs ... Was ich eben vom Einzelnen, vom Individuum darzustellen versuchte, das gilt ähnlich für unsere Gesellschaft. Auch sie ist dauernden Veränderungen ausgesetzt. Und wenn sie sich diesen Veränderungen nicht stellt, läuft sie Gefahr, zu verkümmern und bedeutungslos zu werden. Diese Veränderungsprozesse sind rasant. Wozu man früher Jahre brauchte, das entwickelt sich heute in Wochen oder Tagen. Manches von heute ist bereits der Schnee von gestern. Wenn ich einen Computer kaufe, dann darf ich mir sicher sein, dass ich beim Verlassen des Ladens bereits ein veraltetes Modell in Händen habe. Alles ist unterwegs, alles entwickelt sich weiter, nicht nur die Wissenschaft. Franz von Baader, ein Philosoph des vorletzten Jahrhunderts, hat es so formuliert: „Alles Leben steht unter dem Gesetz, dass, wenn es beim Alten bleiben soll, es nicht beim Alten bleiben darf". Das Leben in all seinen Bereichen steht also unter der Spannung, sich ständig verändern zu müssen. Und zugleich spüre ich in dieser Schnelllebigkeit immer mehr die Sehnsucht nach bleibenden Werten, die Sehnsucht nach etwas, das für immer gilt und an dem ich mich festhalten kann, die Sehnsucht nach einer Heimat, in der ich zuhause bin."

Ein Unterwegssein, das Pfarrer Gerhardt ganz konkret auf die Kirche übersetzte: „Auch die Kirche ist immer unterwegs ... Unterwegs - und doch zuhause! Nicht nur der Mensch in seinem inneren Erleben steht in dieser Spannung, nicht nur unsere Gesellschaft, sondern auch die christlichen Kirchen. Es ist die Spannung zwischen Fortschritt und Tradition, zwischen Erneuerung und Beharren. Schon die Bibel weiß davon. Immer, wenn der gläubige Jude Jesus von Nazareth auf die gläubigen Schriftgelehrten und Pharisäer trifft, ist etwas von dieser Spannung zu spüren. Das jüdische Gesetz gilt, auch für Jesus, es hat seinen Sinn, aber wenn es nicht fortgeschrieben bzw. in seinem ursprünglichen Sinn erneuert und immer wieder der Situation angepasst wird, dann ist es keine Lebenshilfe mehr, sondern erstarrt zum toten Buchstaben. Das gilt für die Lebens- und Glaubenspraxis Jesu genauso wie für das Christentum im Laufe seiner über zweitausendjährigen Geschichte. Der Glaube ist ja nichts Starres und Totes, sondern etwas Lebendiges: die lebendige Beziehung zwischen dem Menschen und seinem Gott. Auch hier gilt, was Franz von Baader über das Leben allgemein sagte: alle Beziehung, also auch der Glaube, steht unter dem Gesetz, dass, wenn es beim Alten bleiben soll, es nicht beim Alten bleiben darf. Der christliche Glaube hat in unserer Gesellschaft einen ganz wichtigen Auftrag. Aber dieser Auftrag besteht nicht darin, wie ein Museumsdirektor alte Traditionen zu pflegen, ganz gleich, ob sie noch verstanden werden oder nicht. Dieser Auftrag besteht vielmehr darin, den alten, immer gültigen und wahren Glauben so zu übersetzen und zu konkretisieren, dass der Mensch von heute ihn genauso verstehen und als Hilfe annehmen kann wie der Mensch vor tausend oder zweitausend Jahren. Die Rhön, unsere Heimat, ist eine religiös geprägte Gegend. Die vielen Kirchengebäude und Bildstöcke machen es deutlich: zu allen Zeiten wurde hier der Glaube an Gott den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist bekannt. Immer wurde hier das alte gültige Glaubensbekenntnis gesprochen, und immer wurde hier versucht, dieses Glaubensbekenntnis mit der Lebenserfahrung der konkreten Menschen in der jeweiligen konkreten Zeit in Verbindung zu bringen. Das war damals anders als heute und wird morgen anders sein als heute. Das ewige Gültige, gleichsam das Zuhause, ist auch immer wieder auf dem Weg, muss immer wieder neu entdeckt und formuliert werden. „Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen", sagte einmal Friedrich Schiller."

Gerhardts Fazit: „Unterwegs und doch zuhause - eine Metapher für menschliches Leben in all seinen Facetten. Ständig bauen wir an unserem Lebenshaus in der Sehnsucht nach einem ewigen Zuhause - so wie wir es im Rhythmus des Jahres erleben: ist der Mensch im Sommer eher nach außen orientiert und häufig unterwegs, sehnt er sich jetzt im Herbst nach einem Zuhause, wo er sich ausruhen kann und wo er vor der Kälte und dem Frost des Winters geschützt ist. So ist es nicht nur mit dem Wetter, so ist es mit dem Leben. Wir bleiben in dieser Spannung: Unterwegs und doch zuhause. Oder, wie es in den beiden letzten Strophen des Kirchenliedes, das ich vorhin zitierte, heißt:

„Gar manche Wege führen

aus dieser Welt hinaus.

O dass wir nicht verlieren

den Weg zum Vaterhaus.

Und sind wir einmal müde,

dann stell ein Licht uns aus,

o Gott, in deiner Güte;

dann finden wir nach Haus" (GL 656).

Rhönklub-Präsident Ewald Klüber fasste den Gedanken des Unterwegssein noch weiter: grenzüberschreitend: „Wir sind „Unterwegs und doch Zuhause". Wir sind unterwegs im „Land der offenen Fernen". Sehen tun wir von hier bekannte Berge in Hessen, Thüringen und Franken. Dort können wir auch hingehen, ohne Einreisegenehmigung, ohne Kontrolle, ohne Schikane, zu jedem selbstbestimmten Zeitpunkt. Das das so ist, haben Tausende mit viel Mut aber auch Angst erkämpft ohne einen politischen Rückenhalt, Eher belächelt, verängstigt oder gar in Sicherheitsverwahrung genommen.

Ein weiteres Mal hat sich gezeigt - wenn man zusammenhält, um an ein zukunftsfähiges Ziel zu kommen, dann ist jede Hürde zu nehmen, ohne das jemand dabei Schaden nimmt. Das haben zumindest die Bürgerrechtsbewegungen im Kampf für Frieden und Freiheit gezeigt und geschichtlich in unserer Zeit einmalig zur Wiedervereinigung geführt.

Die Geschichte zeigt offenbar, dass sich Menschen einig und kampffähig sind, wenn sie in Bedrängnis kommen. Gemeinsam fühlen sie sich stark."

Grenzen überwinden - dazu müsse auch die Heidelsteinfeier des Rhönklubs beitragen: „Betrachten wir uns als eine länderübergreifende Bürgerbewegung unterwegs im Land der offenen Fernen. Sind wir bereit gegen die Bequemlichkeiten und Ignoranz anzugehen, um verantwortungsvoll mit unserer Zukunft umzugehen. Unsere nachwachsende Generation sollten wir motivieren und die Geschichte der Vergangenheit ständig ins Bewusstsein rufen, um an zukunftsfähigen Entscheidungen an der Arbeit, und im Ehrenamt mitzuwirken."

Klübers Perspektive lautete dementsprechend wie ein Auftrag an alle Rhönklub-Mitglieder und Rhön-Freunde als grenzüberschreitender Verein: „Es ist die Hoffnung und Zuversicht, die uns alljährlich auf den Weg hinauf zum Heidelstein schickt, um an Menschen zu denken, die den Weg hinter sich haben. So sind wir alle - Lebende und Verstorbene  an diesem Platz, dem Heidelstein, zu Hause. Mit neuer Hoffnung und Zuversicht machen wir uns wieder auf den Weg ins Tal, um immer wieder auf´s Neue unserer Heimat, der Rhön, zu dienen."

Musikalisch umrahmt wurde die Heidelsteinfeier vom Musikverein Weisbach.

Bernd Müller-Strauss

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