Hauptkulturtagung 2012

Wenn ich dein vergesse ... – Jüdisches Leben in der Rhön

 

Zu seiner 48. Hauptkulturtagung lud der Hauptvorstand des Rhönklub in das Hotel „Milseburg“ in Oberbernhards ein. Die zweitägige Tagung stand unter dem Motto „Wenn ich dein vergesse ... – Jüdisches Leben in der Rhön“.

„Wenn ich Dein vergesse ...“, die Worte, dem Psalm 137 entnommen, beschreiben die Sehnsucht des jüdischen Volkes im babylonischen Exil nach ihrer Heimat Jerusalem. Haben die Worte nicht auch heute noch Gültigkeit? Was wissen wir über das jüdische Leben, was über Feste und Speisevorschriften, was über die Totenkultur? Mit dieser Fragestellung eröffnete der Hauptkulturwart des Rhönklub, Jürgen Reinhardt, die 48. Hauptkulturtagung und begrüßte die über 120 Anwesenden.

In seinem Einführungsvortrag sprach Dr. Michael Imhof über die Geschichte der Juden in Deutschland und der Rhön. Die ersten Juden kamen vor etwa 2000 Jahren als Händler, Kaufleute, Handwerker und Verwaltungsbeamte des Römischen Reiches. Ihre Gemeinden entstanden folglich in den alten Römersiedlungen Köln, Mainz und Trier. Später, etwa um die Zeit der Völkerwanderung, entwickelte sich ein eigenes jüdisches Leben auf heutigem deutschen Boden. Nach der Christianisierung wurden Juden als Angehörige eines fremden Glaubens angesehen und waren nicht mehr überall Bürger mit vollen Rechten. Zur Zeit der Kreuzzüge fanden die ersten Judenverfolgungen statt. Obwohl Luther die gewaltsame Bekehrung und Zwangstaufen ablehnte, verbesserte sich im Zeitalter der Reformation die Lage der Juden nicht sonderlich. Nach dem Dreißigjährigen Krieg erlaubten einzelne Landesherrn die Ausübung des Handels.

Wie ein Volk mit seinen Verstorbenen umgeht, lässt Rückschlüsse auf die Kultur des betreffenden Volkes schließen. In jeder jüdischen Gemeinde gibt es eine Beerdigungsbruderschaft. Die Mitglieder dieser Bruderschaft widmen sich der rituellen Bestattung Verstorbener. Auch die Waschung der Toten obliegt ihr.

Die jüdischen Friedhöfe als Orte des Gedenkens an Verstorbene haben einen besonderen Stellenwert im Leben jüdischer Gemeinden. Als so genanntes „Haus der Ewigkeit“ können Friedhöfe nicht aufgelöst werden. Die Totenruhe besteht formell auf ewig, wurde aber besonders in der jüngeren Vergangenheit durch Beseitigung der Friedhöfe gröblich verletzt. Der Publizist Lothar Mayer informierte die Anwesenden eingehend anhand von ausgewählten Lichtbildern über jüdische Friedhöfe.

Im Spätmittelalter hatte man die Juden aus fast allen größeren Städten vertrieben, wusste Dr. Michael Imhof zu berichten. Im 16. und 17. Jahrhundert lebte ein Großteil der jüdischen Bevölkerung in kleinen Vorstädten und in ländlichen Regionen. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie sich überwiegend als Geldwechsler und Pfandleiher, als Viehhändler und Hausierer. Nur mit Mühe und Not konnten sie ihre Familien unterhalten. Das Landjudentum war geboren. Daneben gab es auch reiche Juden, die so genannten Hofjuden. Sie standen als Bankier, Finanzberater oder Diplomaten in den Diensten der Fürsten. Als Gegenleistung für ihre Dienste waren sie von den Einschränkungen, die für einfache Glaubensbrüder galten, ausgenommen. Trotz ihrer einflussreichen Stellungen blieben die Hofjuden lediglich Günstlinge ihrer Herrn.

Die Aufklärung in Deutschland brachte einen Wendepunkt für die jüdischen Mitbürger. Von nun ab sollten Freiheit und Menschenwürde für alle gelten. Es wurde zu mehr Toleranz gegenüber den Juden aufgerufen und ihre soziale Eingliederung und die Teilnahme an der allgemeinen Bildung gefordert. Jedoch nur wenige Gebildete unterstützten die Emanzipation der Juden. Die große Mehrheit war einfach dagegen. Erst 1872 hob die Reichsverfassung alle Einschränkungen auf, so dass die Juden im gesamten Reichsgebiet auch öffentliche Ämter begleiten konnten.

1992 zeigte das Jüdische Museum in Frankfurt eine Ausstellung über Mikwen, den rituellen Tauchbädern. Die Mikwe gehört neben der Synagoge und dem Friedhof zu den vorgeschriebenen Einrichtungen einer jüdischen Gemeinde. In Deutschland haben sich verhältnismäßig viele Tauchbäder über die Jahrhunderte erhalten. Allein in dieser Ausstellung wurden rund 400 Mikwen präsentiert. Um rituell rein zu sein, muss der ganze Körper eines Menschen in „lebendiges Wasser“, nicht in geschöpftes Wasser, untergetaucht werden. Die meisten Mikwen werden mit Grundwasser gespeist. Dies erfordert eine besondere Bauart dieser Tauchbäder. Man grub einen tiefen Schacht in die Erde, bis man auf grundwasserführende Schichten stieß. Auf einer angelegten Treppe erreichte man das Wasser bzw. das Tauchbecken. Neben der rituellen Waschung von Mann und Frau dienten die Mikwen ferner noch zum Reinigen nicht mehr koscherer Gegenstände. Regina Kon brachte den Zuhörern das rituelle Tauchbad, die Mikwe, näher.

Eine feierlichen jüdisch-christliche Morgenandacht läutete den zweiten Tag der Hauptkulturtagung ein. Linde Weiland sang in hebräisch Psalmen, die Klaudia Reinhardt auf deutsch vorlas. Mit dem „Vater unser“ in hebräisch und deutsch endete die Morgenandacht.

Was ist koscher? Koscher bedeutet rein, tauglich, geeignet und ist mehr als das Einhalten von Speisegesetzen; es ist in Wirklichkeit eine Art zu leben. Das traditionelle Judentum unterscheidet nicht zwischen religiösen und profanen Bereichen des Lebens. Alles ist mit der Religion verwoben. Kleider- und Speisevorschriften sind im gleichen Maß Religion wie Gebet und Gottesdienst. Speisevorschriften sind in Bibel und Talmud verankert und gründen sich auf göttliche Gebote.

Die Feste des Judentums knüpfen, ähnlich wie die christlichen Feste, vielfach an Feste der alttestamentlichen Zeit an. Die wichtigsten Feste im Jahreslauf sind Passah oder Pessach, das Wochenfest oder Schawuot, das Laubhüttenfest, Sukkot genannt, Chanukka und Purim. Rosch ha-Schana, das Neujahrsfest und Jom Kippur, der Versöhnungstag sind die beiden höchsten Feste im Jahreslauf. Als siebter Tag der Woche wird Schabbat gefeiert, denn der Überlieferung des Alten Testaments nach hat Gott in sechs Tagen die Welt erschaffen, und am siebten ruhte er. Die Christen dagegen feiern den ersten Tag der Woche, den Sonntag, als den Tag der Auferstehung des Herrn. Auch im Lebenslauf gibt es viele Feste und Feiern, wie beispielsweise die Beschneidung, die Bar Mizwa und Bat Mitzwa Feier, Hochzeit und Trauerfeiern. Das Feste und Essen untrennbar zusammengehören, konnte Linde Weiland in ihren beiden Vorträgen ausführen.

Zum Schluss der Tagung dankte Rhönklub-Präsident Ewald Klüber allen Referenten für ihre kurzweiligen Vorträge und dem Ehepaar Reinhardt für die Gestaltung der Hauptkulturtagung.

 

 


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